Zum 4. Dezember 2003 hielt der damalige Präfekt der Glaubenskongregation, Joseph Kardinal Ratzinger, bei einer Jubiläumsveranstaltung zum 40. Jahrestag der Liturgiekonstitution des II. Vatikanischen Konzils Sacrosanctum Consillium im Deutschen Liturgischen Institut in Trier den Festvortrag. Dabei führte er aus: „In der Tat kann kein Konzil einfach Neues schaffen: Es kann nur dem endgültige Gestalt und Verbindlichkeit geben, was zuvor im Glaubensleben der Kirche gereift ist. (...) Aufgabe der Konzilien ist es also nicht, vorher Unbekanntes hervorzubringen, sondern es hat aus den Strömungen der Zeit das Gültige, wirklich aus dem Glauben der Kirche Herausgewachsene herauszufiltern, auf diese Weise Gemeinsamkeit zu schaffen und die Richtung des weiteren Weges zu bestimmen.“ (J. Ratzinger, 40 Jahre Konstitution über die Heilige Liturgie. Rückblick und Vorblick, in: LJ 53 (2004), 209-221, hier: 209).

Da Konzilien in der Kirche immer nur vorübergehende Einrichtungen und Ereignisse sind, geht diese Aufgabe des Stiftens von Gemeinsamkeit ansonsten insbesondere auf den Träger des in der Kirche kontinuierlich präsenten Petrusamtes, den Papst, über. Im Lichte dieser Einsicht werden die Impulse, die Benedikt XVI. auf dem Gebiet der Liturgie einerseits durch das Vorbild seiner eigenen gottesdienstlichen Zelebrationen, andererseits aber durch die Verankerung zielgerichteter rechtlicher Normen setzt, besser verständlich.

Konkret sei das gezeigt anhand des Motu Proprio Summorum Pontificum vom 7. Juli 2007, weil es zunächst die unmittelbare Grundlage der Feier der Römischen Liturgie in ihrer Überlieferten Gestalt ist.

Mit diesem Dokument weist der Heilige Vater auf liturgischem Feld eine paradigmatische Deutung des II. Vaticanums, wonach es eine Scheidelinie markiert, welche die Kirchen- und Theologiegeschichte in vor- und nachkonziliar zertrennt, grundsätzlich als unbegründet und daher unberechtigt zurück. Nicht eine Scheidelinie ist von authentischer Erneuerung zu ziehen, vielmehr eine Verbindungslinie, die freilich nicht an irgendeinem, letztlich willkürlich bestimmten und vielleicht naiv idealisierten Punkt in der Vergangenheit der Kirche endet, aber ebensowenig abgebrochen werden darf, um isoliert und steril neu konstruiert zu werden.

Diese Balance ist es, um die es dem Papst in Liturgie und bei der theologischen Deutung des II. Vaticanums als Gesamtheit und der Erschließung und Einordnung seiner einzelnen Aussagen geht, denn wird diese Balance erreicht, so ist sie die Ebene, auf der gegensätzliche Strömungen in der Kirche zu Verständigung und Gemeinsamkeit kommen und die Einheit der Kirche, die ja immer bereits besteht und in ihr unverlierbar gewahrt ist, finden können.

Diese Rolle des Papstes, als jemand, der vermittelt und Ausgleich schafft, um den Christen die Gemeinschaft der Kirche zu eröffnen und ihnen zu ermöglichen, in dieser Einheit zu verbleiben oder neu und voll zu ihr zu finden, wird auch mit dazu beigetragen haben, dass Joseph Ratzinger bei seiner Papstwahl gerade den Namen Benedikt angenommen hat. Nach dem scharfen Modernistenstreit, war es Benedikt XV. gewesen, der zur Entspannung zwischen den kirchenpolitischen und theologischen Lagerbildungen beitrug. Vor eine sicher ganz ähnliche Herausforderung sieht sich heute Benedikt XVI. gestellt.

Dann aber auch ist es Benedikt von Nursia, der dem Papst als Vorbild vor Augen steht. Wenn wir Summorum Pontificum lesen, erscheint der Vater des abendländischen Mönchtums mit seiner großen monastischen Bewegung als Kristallisationsfigur einer für den christlichen Charakter Europas bestimmenden, kulturellen Prägekraft.

Nach dem 43. Kapitel der Benediktregel gilt: „Nichts soll dem Gottesdienst vorgezogen werden!“ Auch deshalb will der Papst die Überlieferte Gestalt Römischer Liturgie wieder in das Zentrum kirchlichen Lebens rücken, weil sie es war, die historisch die Form des Kultus vorgab, der die abendländische Kultur und Identität bestimmt hat. In diesen integrierenden Zusammenhang soll auch unsere Gegenwart und Zukunft gestellt sein, und da die Reform der Liturgie ja nie abgeschlossenes Resultat, sondern immer lebendiger Prozess ist, ist es die Überlieferte liturgische Gestalt des Ritus Romanus, die allen heutigen Liturgieformen der Lateinischen Kirche vorbildliches Modell und verbindlichen Maßstab bietet, was an den päpstlichen Liturgien Benedikts XVI. ganz konkret und unübersehbar abgelesen werden kann.

Etwas salopp gesagt: Die Außerordentlichkeit der alten Feiergestalt des Ritus Romanus besteht in ihrer Bedeutung und ihrem Modellcharakter, der ermöglicht, dass auch „ordentlich“ Gottesdienst gefeiert werden kann.

Ganz davon abgesehen, würden andernfalls die beachtlichen Errungenschaften und Kulturleistungen Europas zunehmend vielleicht noch beeindrucken, aber im letzten gleichwohl unverständlich und fremd.

Benedikts XVI. Blick auf unsere und andere überlieferte Liturgie war stets wertschätzend. Zu diesem Blickwinkel gehört zentral hinzu, das Werden der Liturgie im Wechsel der Zeitläufte mitzuvollziehen, dabei aber auch anzuerkennen, dass diese Riten in diesem Prozess Stadien der Reife und gültiger Ausprägung erreicht haben, sodass die Traditionsbindung der Liturgie nicht unverbindliche Vorliebe einzelner sein kann, sondern Qualitätsmerkmal und Kriterium jeder gottesdienstlichen Feier ist.

In diesem Sinne leisten diejenigen, die die Präsenz der Überlieferten Form des Römischen Ritus in der Kirche gewährleisten, einen Dienst an der gesamten Kirche zur authentischen Ausführung der Reform der Liturgie, die immer wieder neu mit Überzeugung und Leben erfüllt und von den Quellen her genährt werden muss, damit sie auch tatsächlich sei, als was sie die Liturgiekonstitution des II. Vaticanums in SC 10 wesenhaft bestimmt: „Quelle und Höhepunkt des ganzen Lebens der Kirche“.